Schützt du deinen Hund, die anderen oder eigentlich dich, wenn ihr die Hundebegegnungen vermeidet?
- Jul 14
- 7 min read
Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, ob ich irgendwann anfangen würde, bestimmte Situationen mit einem Hund zu meiden, hätte ich vermutlich gelacht.
Ich hatte immer eher die unkomplizierten Hunde. Hunde, die mir gefühlt am Hintern klebten. Hunde, über die ich mir draußen wenig Gedanken machen musste. Hund unangeleit im Pensionspferdestall? Hund frei im Wald beim Ausreiten? Hund ohne Leine vorm Laden geparkt, während ich kurz was eingekauft habe? Alles easy.
Und dann kam Pablo.
Ein riesiger Herdenschutzhund. Dunkel. Knapp 50 Kilo. Ein Hund, der allein durch seine Erscheinung unglaublich beeindruckend wirkt.

Und obwohl Pablo eigentlich ein unfassbar freundlicher Hund ist und mit anderen Hunden überhaupt keine Probleme hat, fing ich irgendwann an, bestimmte Orte zu vermeiden.
Nicht, weil Pablo dort etwas gemacht hätte.
Sondern wegen all der Gedanken in meinem Kopf.
Was, wenn er nicht hört?
Was, wenn jemand Angst vor ihm bekommt?
Was, wenn ein anderer Hund auf ihn zugerannt kommt und Stress macht?
Was, wenn ich die Situation nicht halten kann?
Und irgendwann wurde mir klar:
Ich schütze gerade gar nicht unbedingt meinen Hund.
Ich schütze mich. Vor Überforderung. Vor Scham. Vor dem Gefühl, dass etwas Peinliches passieren könnte. Und genau deshalb möchte ich heute über ein Thema sprechen, das unglaublich viele Hundemamas betrifft.
Denn vielleicht gehst du inzwischen andere Wege. Vielleicht wechselst du die Straßenseite.
Vielleicht gehst du nur noch zu Zeiten spazieren, in denen möglichst wenig los ist. Vielleicht sagst du Treffen mit anderen Hundehaltern ab, nur zur Sicherheit.
Und vielleicht erzählst du dir:
„Mein Hund braucht das einfach nicht.“
„Das ist ihm zu viel.“
„Das ist besser für uns.“
Und weißt du was? Manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal steckt noch etwas ganz anderes dahinter.
Warum viele Menschen Hundebegegnungen vermeiden
Ich möchte eines direkt vorwegnehmen: Ich finde Vermeidung nicht grundsätzlich schlecht.
Im Gegenteil. Es gibt Hunde, die wirklich Abstand brauchen. Es gibt Hunde, die mit Hundebegegnungen überfordert sind. Es gibt Situationen, in denen so ein Management unglaublich sinnvoll und wichtig ist.
Und es gibt auch Zeiten, in denen wir Menschen einfach nicht die Kapazität haben.
Das Leben passiert.
Wir haben Stress. Mental Load. Schlafmangel. Eigene Themen.
Manchmal fehlt einfach die Kraft.
Und dann ist es vollkommen okay, zu sagen: Heute kann ich das nicht halten.
Das Problem beginnt für mich erst dann, wenn wir uns dafür verurteilen.
Wenn wir anfangen zu glauben:
„Das wird niemals besser.“
„Wir können das einfach nicht.“
„Mein Hund ist eben so.“
Denn genau in diesem Moment geben wir unsere Macht ab.
Wir fühlen uns plötzlich wie das Opfer dieser Situation. Können gar nicht selber gestalten und entscheiden, sondern denken, dass es jetzt einfach so ist.
Und wenn du jetzt innerlich nickst, lade ich dich ein genau dort mal ehrlich hinzuschauen.
Wovor schützt du dich gerade wirklich?
Diese Frage hat in meiner Arbeit schon unglaublich viel verändert.
Denn häufig steckt hinter der Vermeidung etwas ganz anderes. Nicht die Angst vor dem Verhalten des Hundes, sondern die Angst vor dem Gefühl, das dieses Verhalten in uns auslösen könnte.
(Kurz atmen an dieser Stellle)
Vielleicht hast du Angst vor Scham.
Vor den Blicken anderer.
Vor dem Gefühl zu versagen.
Vor diesem Moment, in dem du denkst: Alle sehen gerade, dass ich meinen Hund nicht im Griff habe.
Und ganz ehrlich?
Ich glaube, dass genau darüber viel zu wenig gesprochen wird.
Denn Scham ist unglaublich mächtig. Sie sorgt dafür, dass wir Situationen vermeiden.
Dass wir uns zurückziehen. Dass wir immer kleiner und unsicherer werden.
Nicht, weil unser Hund uns dazu zwingt.
Sondern weil wir bestimmte Gefühle einfach nicht noch einmal erleben möchten.
Und das ist tatsächlich einfach menschlich.
Und kurzer Exkurs: Ich bin mal ganz ehrlich und gebe zu, dass ich gern perfekt wäre. Bin ich natürlich überhaupt nicht. Aber ja, ich wäre es gern. Und zu einer perfekten Frau, sollten natürlich keine Schamgefühle gehören. Und mir ist natürlich fachlich und privat klar, dass es gar nicht möglich ist "perfekt zu sein" und das hinter diesem Wunsch was anderes steckt. Gleichzeitig gestehe ich es mir ein, dass dieser Wunsch da ist und so kann ich aber viel besser damit umgehen.
Denn daraus resultiert die These:
Wenn der Hund gar nicht das eigentliche Problem ist
Bei Pablo wurde mir genau das bewusst.
Die meisten Horrorszenarien in meinem Kopf sind niemals eingetreten.
Er hat keine anderen Hunde angegriffen.
Er hat keine Menschen verletzt.
Er war einfach… groß.
Und ich hatte plötzlich unglaublich viel Verantwortung. Kleinkind. Großer Hund. Noch vier Kleinere. Blicke anderer Menschen. Und mein Nervensystem hat irgendwann beschlossen:
Das ist mir gerade zu viel.
Also habe ich Situationen vermieden.
Nicht unbedingt, weil Pablo sie nicht hätte schaffen können, sondern weil ich sie gerade nicht geschafft hätte. Und dieser Unterschied hat alles verändert.
Denn plötzlich war ich nicht mehr ausgeliefert.
Plötzlich konnte ich sagen: „Okay. Ich fühle mich damit gerade nicht wohl.“
Und das ist etwas völlig anderes als: „Mein Hund kann das nicht.“
Unser Nervensystem versucht uns zu schützen
Das Spannende ist: Unser Körper speichert Erfahrungen.
Wenn wir einmal eine Situation erlebt haben, die sich unangenehm angefühlt hat, möchte unser Nervensystem verhindern, dass wir sie erneut erleben.
Das ist völlig normal.
Vielleicht gab es einen unangenehmen Hundekontakt.
Vielleicht hat dein Hund einmal an der Leine gepöbelt.
Vielleicht hast du dich geschämt.
Vielleicht hast du geweint.
Vielleicht hattest du einfach das Gefühl, völlig zu versagen.
Und beim nächsten Spaziergang erinnert sich dein Körper daran, noch bevor überhaupt etwas passiert.
Die Schultern werden fester.
Der Blick scannt die Umgebung.
Die Leine wird etwas kürzer.
Du hältst unbewusst die Luft an.
Und dein Hund läuft neben genau diesem Nervensystem.
Er spürt die Anspannung. Die Unsicherheit. Die Vorsicht.
Nicht, weil er Gedanken lesen kann, sondern weil Hunde unglaublich fein wahrnehmen.
Und manchmal entsteht genau dadurch eine Dynamik, die wir eigentlich vermeiden wollten.
Vermeidung ist nicht das Problem
Ich möchte diesen Satz nochmal betonen: Vermeidung ist nicht das Problem.
Unbewusste Vermeidung kann das Problem werden. Wenn wir nicht mehr wissen, warum wir etwas tun.
Wenn wir automatisch immer kleiner werden. Wenn unser Leben immer eingeschränkter wird. Wenn wir anfangen, uns selbst dafür zu verurteilen.
Denn dann entsteht Druck. Und Druck hilft selten.
Vielleicht brauchst du gerade Abstand. Vielleicht braucht dein Hund gerade Abstand.
Und das darf so sein. Aber du darfst dich trotzdem fragen: Ist das wirklich die Wahrheit?
Oder ist es gerade einfach das, was sich für mein Nervensystem am sichersten anfühlt? Und das wäre auch vollkommen in Ordnung.
Der Unterschied zwischen gefährlich und peinlich
Das ist ein riesiger Unterschied. Denn manchmal erzählen wir uns: „Das wäre schlimm.“
Und wenn wir ehrlich hinschauen, meinen wir eigentlich: „Das wäre mir unglaublich peinlich.“
Das ist nicht dasselbe.
Gefährlich bedeutet: Es besteht wirklich ein Risiko.
Peinlich bedeutet: Ich habe Angst vor den Gefühlen, die in mir entstehen könnten.
Und ich glaube, dass ganz viele Hundemamas genau dort feststecken.
Sie haben weniger Angst vor ihrem Hund. Sie haben Angst vor den Blicken. Vor den Bewertungen.
Vor dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Und das tut weh.
Denn die meisten von uns lieben ihre Hunde unglaublich.
Wir geben uns Mühe. Wir investieren Zeit, Geld und Energie.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen wir uns einfach nur klein und inkompetent fühlen.
Du bist nicht falsch
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, möchte ich dir etwas sagen: Du bist nicht falsch.
Du bist keine schlechte Hundemama. Und du bist auch nicht schwach.
Du bist ein Mensch. Mit Gefühlen. Mit Grenzen. Mit einem Nervensystem, das versucht, dich zu schützen. Und genau deshalb darfst du liebevoll hinschauen. Ohne Schuld. Ohne Druck. Einfach ehrlich dir selber gegenüber.
Die Frage, die alles verändern kann
Wenn du das nächste Mal die Straßenseite wechselst oder einen Ort meidest, dann frage dich einmal:
Wovor schütze ich mich gerade eigentlich?
Vor einer echten Gefahr? Vor Überforderung? Vor Scham? Vor Bewertung? Vor Hilflosigkeit?
Die Antwort kann jedes Mal anders sein. Und jede Antwort ist erstmal okay.
Aber Bewusstsein verändert alles. Denn erst wenn wir verstehen, warum wir etwas tun, können wir entscheiden, ob wir es weiterhin so machen möchten.
Raus aus dem Opfermodus – rein in die Gestaltung
Für mich persönlich war die größte Erkenntnis, dass ich früher ich gesagt habe:
„Mit Pablo kann ich da nicht hingehen.“
Heute würde ich sagen: „Ich konnte in diesem Moment nicht hingehen.“
Das klingt nach einem mini Unterschied. Ist es aber überhaupt nicht, denn im ersten Satz bin ich ausgeliefert. Im zweiten Satz erkenne ich: Ich habe Einfluss. Ich darf entscheiden. Ich kann etwas verändern.
Nicht von heute auf morgen. Nicht mit Druck. Aber Schritt für Schritt. Und genau dort beginnt Veränderung. Denn vielleicht braucht dein Hund kein Training, sondern dein Nervensystem.
Vielleicht brauchen du und dein Hund Unterstützung.
Vielleichtbraucht ihr ein kleines bisschen Reflexion, gut gestelle Fragen von außen und ein wenig Mut.
Denn ihr seid nicht kaputt. Ihr seid nicht für immer so. Ihr steckt vielleicht einfach gerade in einer Dynamik fest, die gesehen werden möchte.
Und das Schöne daran? Dynamiken können sich verändern.
Wenn ihr das Problem seid, dann seid ihr auch die Lösung.
Mein Wunsch für dich
Ich wünsche mir, dass du nach diesem Artikel nicht denkst: „Mist. Jetzt bin ich also das Problem.“
Denn darum geht es überhaupt nicht.
Ich wünsche mir, dass du denkst:„Ah. Jetzt verstehe ich mich ein bisschen besser.“
Und dass du erkennst: Du bist nicht Opfer deiner Situation.
Du hast Einfluss. Du darfst hinterfragen. Du darfst neue Entscheidungen treffen. Du darfst dir Unterstützung holen. Und du darfst Schritt für Schritt wieder Vertrauen aufbauen.
In deinen Hund. Und vor allem auch in dich selbst.
Denn manchmal schützen wir unseren Hund. Und manchmal schützen wir uns selbst davor, uns wieder genauso zu fühlen. Und beides darf sein.
Der Unterschied ist nur:
Wenn wir es erkennen, können wir wieder wählen.
Und genau darin liegt unglaublich viel Freiheit.
Ich habe für dich ein einwöchiges Angebot entwickelt, dass dich und deinen Hund sieben Tage lang intensiv begeleitet. Du, dein Hund und ich, 1:1 (+1), eine Woche lang für Klarheit und Reflexion von außen, viele Aha-Momente und mindestens (wenn nicht sogar drei) dem Ersten Schritt in eine geile Hund-Mensch-Partnerschaft.

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